Ein Ochlo für alle Fälle

„Wenn früh am Morgen die Werksirene dröhnt…“. Kann sich noch jemand an dieses den tatkräftigen, arbeitsbegeisterten Deutschen besingendes Aufbruch- und Boom versprechende Lied aus den 80er Jahren erinnern? „Bruttosozialprodukt“ von Geier Sturzflug. Das waren noch Zeiten, als der Deutsche fröhlich in den Fabriken des Aufschwungs wirkte und sich abends bei Lindenstraße, Tagesschau und Tatort wohlig entspannte. Die gute alte Zeit, die ich leider nicht mehr persönlich erleben durfte. Im Fernsehen gab es nur die öffentlich rechtlichen Kanäle, die zwar keinen Quotendruck hatten, dafür aber einen Sendeschluss. Werbung galt damals noch als unschicklich, Klingeltöne musste man noch nicht im Super-Spar-und-Abzock-Abo bestellen und Homeshopping gehörte in den Bereich der Science Fiction und bezeichnete nicht den überteuerten Verkauf nutzloser Dinge an Menschen, die nichts anderes zu tun haben, als überteuerte, nutzlose Dinge übers Fernsehen zu bestellen und mit jedem Anruf sowohl den Netzbetreiber ihres Telefons als auch die Sender aus ihrem selbst verschuldeten Hartz IV Leben zu finanzieren.


Ich habe auf dieser Seite sehr oft über die Politik gelästert, gemotzt, gemeckert, geschimpft und gelabert. Aber Politiker sind auch nur Menschen (die FDP ist von dieser Definition selbstverständlich ausgenommen) und wir dürfen nicht vergessen: das Volk ist ja selber Schuld, wenn es alle vier Jahre die gleichen Pappnasen wählt. Das deutsche Lamm ist das einzige, dass sich seinen Henker selber aussucht. Aber schauen wir uns doch mal die andere Seite an. Die Seite, die sich eben nicht für die Gesellschaft interessiert, deren Sozialsysteme sie ausnutzen. Und gleich vorneweg: ich will keine Finger auf jemanden richten. Ich rede nicht von den Menschen, die es versuchen und scheitern. Der gescheiterte Deutsche ist eine tragische Gestalt. Ich rede auch nicht von dem Heer der Arbeitslosen, die oft nur aufgrund der Unfähigkeit der Behörden, der Sturheit krümelkackender Beamter oder der Unmenschlichkeit eines Systems, dass aus Menschen Ressourcen macht. Ich rede von den Menschen, die sich nicht anstrengen, weil es eben anstrengend ist. Ich rede von den Menschen, die die RTL II News und die BILD Zeitung als investigativen Journalismus verstehen (auch wenn sie den Begriff investigativen Journalismus nicht mal aussprechen können).


Vielleicht liegt es an mir, aber oft habe ich das Gefühl, wir leben in einer Ochlokratie. Wenn ihr, wie ich, zunächst Arschlochkratie gelesen habt, dann habt ihr die Begrifflichkeit schon ganz gut erfasst. Ochlokratie bezeichnet die Herrschaft des Pöbels. Und allein das Nachmittagsprogramm von RTL lässt den Eindruck entstehen, in Deutschland lebten nur halb behinderte, asoziale Arbeitslose, die für einen Hungerlohn, der nicht mal die Stromkosten des Kamerateams deckt, einem Knebelvertrag und 15 Minuten zweifelhaften Ruhm ihr Privatleben ungeschminkt in die Öffentlichkeit tragen wollen. Facebook fürs Fernsehen. Wir alle wissen, dass Sendungen wie Mitten im Leben mit allem zu tun haben, nur eben nicht mit dem Leben in Deutschland. Diese Formate sind durch und durch gefaked und das ist auch gut so. Aber, und es kommt immer ein aber, es gibt genug Leute, die dafür sorgen, dass diese Formate Erfolg haben, einfach indem sie sie schauen. Es werden Menschen an den Pranger gestellt, Feindbilder errichtet, Stereotype geschaffen und zelebriert, alles unter dem Mantel der Betroffenheit und der scheinbaren Hilfe für diese Menschen. Und genau diese Menschen, die solche Sendungen schauen und für gut befinden, diese Menschen sind die Ochlokraten, von denen ich rede. Wundern wir uns, dass da geistige Flachwichser wie Thilo Sarrazin ungefiltert ihre diskriminierenden Ideen in den Äther blasen dürfen und dafür noch Beifall erhalten? Ja, die Aufregung ist immer groß, wenn der Mann fürs Grobe seine deutschnationalen Ideen vor sich hinblubbert, aber an den Stammtischen hört man die Menschen rufen: „Er ist zwar ein Arsch, aber er hat recht.“


Und wir sehen es nicht nur im Fernsehen. In jedem Bus, in jeder S-Bahn sitzen sie herum, die Jungs, die alle Alda oder Diggah heißen, jeden zweiten Satz, den sie aus einem gefälschten Wikipedia Artikel geklaut haben beschwören (Ischwöre, Diggah) und dabei ihre scheppernden Handylautsprecher und alle anderen Anwesenden mit in Rhythmus gepressten Darmtönen belästigen. Das ist das Ergebnis einer langjährigen Entwicklung, die im Grunde Ausdruck eines Ohnmachtsgefühls der Menschen zur Entwicklung der Gesellschaft sind. Eltern, Lehrer, Politiker und andere Erziehungsorgane kommen doch gar nicht mehr damit hinterher, sich und ihre Einstellungen an die sich immer schneller verändernde Gesellschaft anzupassen. Kein Wunder, dass sich die Kinder und Jugendlichen ihre Vorbilder in einer von Werbung finanzierter Scheinwelt suchen und leider auch finden. In 20 Jahren wird der Film Idiocracy Wirklichkeit sein. Aber nicht, weil unsere Kinder doof sind, sondern weil wir Erwachsenen es zugelassen haben, dass die Wertevermittlung von einem System übernommen wurde, dass aus Menschen Zielgruppen macht. Solange wirtschaftliche Interessen über sozialen Interessen stehen, solange unsere Zukunft mit einem Eurozeichen versehen wird, solange wird die Schere zwischen Kapitalismusadel und Sozialpöbel weiter auseinander klaffen. Das Volk hat keine Macht im Staate, aber es soll immer die Verantwortung übernehmen. Wie wäre es, wenn die wirklich Verantwortlichen mal ihr soziales Gewissen befragen – vorausgesetzt, sie haben eines.

Kommentar verfassen