Das Buch der tausend Gesichter

Wir alle nutzen sie mehr oder weniger freiwillig: soziale Netzwerke. Sie sind eine digitale Welt, in der wir uns diese machen, wie sie uns gefällt. Im Grunde sind alle größeren Firmen und Persönlichkeiten auf ein zweites, digitales Ich angewiesen. Sie repräsentieren sich, geben Informationen aus und vernetzen sich untereinander. Naja, ihr kennt soziale Netzwerke wie Facebook oder google+ ja selbst. Was soll ich da groß ins Detail gehen?

Die Sache ist allerdings die: ich stelle mir sehr oft die Frage, warum Menschen in einem solchen Netzwerk aktiv sind. Ist es, um sich mit Freunden zu verknüpfen, die weit weg oder nah dran wohnen und so räumliche Distanzen zu überbrücken? Ist eine Möglichkeit, sich selbst darzustellen, sich selbst vielleicht neu zu erfinden? Sucht man Anerkennung? Neue Bekanntschaften? Vielleicht den einen oder anderen Verwandten, neben dem man bei Familienfesten eigentlich nie besonders gern saß, aber dank des Internets trotzdem mit ihm reden kann, ohne seine penetranten Schweißgerüche ertragen zu müssen? Auf jeden Fall sind die meisten aus irgendeinem der genannten oder auch völlig anderen Gründen in solchen Netzwerken vertreten.

Ich möchte mal genauer betrachten, was man da eigentlich macht. Zunächst erstellt man ein Profil von sich. Soweit, so gut. Man gibt klassische Informationen preis: Name, Geburtstag, religiöse und politische Ansichten und so weiter. Interessanterweise veröffentlichen die Menschen auf diesen Netzwerken weitaus mehr Daten als sie beispielsweise bei einer Volkszählung abgefragt würden. Und doch wehren sie sich mit Händen und Füßen gegen eine solche Befragung, wo selbst religiöse Ansichten nicht abgefragt werden dürfen. Im Netz geben sie aber alles von sich preis: peinliche Fotos, halbgare Meinungen, fragwürdige Ansichten. Meistens mit minimalen Privatsphäreneinstellungen, damit auch jeder sehen kann, was für ein Arschloch man eigentlich ist. Das ist wie an der Ampel: bei Rot popelt man sich ungeniert in der Nase, weil man ja in seinem eigenen Auto sitzt. Da kann man ja nicht gesehen werden… zum Beispiel durch die einmal zwei Meter große Frontscheibe.. oder die Seitenfenster. Oder im Rückspiegel des Autos, das vor einem steht. Da sitzen sie und bohren, ziehen den Finger wieder raus, freuen sich darüber, dass sie noch etwas gefunden haben, das bei der letzten roten Ampel nicht ganz rausgefischt werden konnte und stecken es sich glücklich in den Mund. Und genau das machen diese Menschen dann auch bei Facebook. Und nicht nur das. Abgesehen von den privaten Peinlichkeiten, die im Grunde niemanden etwas angehen, aber alle gern heimlich sehen wollen, stellen die Menschen ihre Urlaubsfotos oder Hetzreden, ihre Lieblingsitaliener oder favorisierten Frisöre einer Firma zur Verfügung, die mit diesen Daten Milliarden scheffelt. Das ist, als würde man einen Zeugen Jehovas an der Tür einladen, mit ihm alte Babyalben durchblättern und ihn anschließend bitten, die Familienerinnerungen meistbietend zu verkaufen und das Geld zu behalten.

Ich sage nicht, dass wir uns von sozialen Netzwerken abmelden sollen. Dazu sind die Vorteile einfach zu groß. Aber ich sage, dass wir vorsichtig sein müssen, mit dem, was wir posten, teilen und kommentieren. Man muss ich jederzeit bewusst sein, dass die Inhalte solange gespeichert werden, wie das Netzwerk existiert – teilweise auch darüber hinaus. Auch muss man wissen, dass jede kleine Information für Werbezwecke eingesetzt wird, man sich also verkauft. Auf sozialen Netzwerken bis du nicht der Kunde. Du bist das Produkt.

Das ist die eine Seite. Ein anderer Aspekt ist aber noch viel interessanter. Ich stelle mir die Frage, ob die Person, die ich im Netz vorgebe zu sein, wirklich auch ich bin. Auf sozialen Netzwerken gebe ich mit jedem Post etwas über mich preis. Einfacher gesagt, mit jedem Post erstelle ich ein Abbild meiner selbst in einer bestimmen Situation, Stimmung und Gefühlslage. Ein Schnappschuss meiner Persönlichkeit. Im normalen Leben kann man sagen, dass ich die Summe all meiner Persönlichkeitsschnappschüsse bin und wenn man alle paar Sekunden einen solchen Schnappschuss macht, dann stimmt das vielleicht sogar auch. Was mich ausmacht ist das, was ich sage, das, was ich denke, das, wie ich mit anderen Menschen vernetzt bin. In der Realität habe ich darüber keine großartige Kontrolle. Gut, ich kann das, was ich sage kontrollieren, meistens auch meine Handlungen, aber nicht, mit wem ich vernetzt bin. Dabei sagen nicht nur meine Freunde und Familie etwas über mich aus, sondern auch meine Feinde, meine Gegenspieler. Definition ist nicht nur Merkmalsbestimmung, sondern auch eine Form der Abgrenzung. Diese Grenzen sind im wahren Leben gegeben, indem ich sagen kann: DAS mag ich nicht. Auf Facebook kann ich nur „Gefällt mir“ klicken. Einen „Finde ich scheiße“ -Button gibt es nicht. Zudem zeigen meine Posts stets nur Abbilder in bestimmten Abständen. Die Lücken zwischen den Posts sind unterschiedlich groß, eine Summe dieser Abbilder muss daher kleiner sein als meine gesamte Persönlichkeit. Und zuletzt: auf Facebook wird jeder Kommentar, jedes Bild, jede Meinung gespeichert. Das bedeutet aber, dass diese Aussagen fest stehend sind. Sie können widersprüchlich sein und kein Mensch kann feststellen, welche Seite des Widerspruchs die Wahrheit ist. Die Onlinepersönlichkeit fragmentiert mit der Zeit. Sie wird paradox, wenn man eine Gruppe plötzlich gut findet, die man vor einigen Monaten noch beschissen fand. Beide Aussagen sind wahr, aber welche ist real? Viele soziale Netzwerke dokumentieren die Veränderungen der digitalen Persönlichkeit mit Hilfe einer Zeitlinie, die einer Persönlichkeitsentwicklung entspricht. Aber diese Zeitlinie ist absolut, während das wahre Leben relativ ist.

Ein anderer Aspekt ist die Einseitigkeit der Persönlichkeitsdarstellung. Viele meiner Kommentare zeigen eine pedantische, rechthaberische Seite an mir. Andere weisen mich als reinster Nerd aus. Ich bin mal lustig, mal sarkastisch, mal zynisch, mal verständnisvoll. Aber nur in der echten Welt bin ich alles zusammen. Im Netzwerk bin ich für die einen das, für die anderen jenes. Gespalten und doch eins. Auch Bilder sprechen diese Sprache: ein Album zeigt mich als Familienvater, ein anderes als Student, ein drittes als Captain der Enterprise. Die Bilder bilden nur Teilaspekte ab, die auch in der Summe kein einheitliches Ganzes ergeben.

Mit der Zeit entfernt sich also das Onlineprofil von der echten Person. Ich frage mich, warum nicht dann den letzten Schritt gehen. Mein Facebookprofil ist in den letzten Monaten mehr und mehr zum Onlineauftritt einer im Grunde künstlichen Person geworden. Dieser Person möchte ich zu einer eigenen Existenz verhelfen. Horst Udo ist ein Mann in den besten Jugendjahren. Sein zu Hause ist Facebook. Dort lebt er. Er braucht keinen Job, er braucht keine Wohnung. Früher war Horst Udo eine digitale Erweiterung meiner Selbst. Aber er lebt. Er lebt ein anderes Leben als ich. Und auch wenn ich vor dem Rechner sitze und Kommentare schreibe, so spricht doch dieser Horst Udo aus mir, der seine Wohnstatt auf Facebook hat. Wir beide sind nicht identisch, aber wir beide haben den selben Ursprung. Und deswegen habe ich ein Experiment beschlossen. Ich werde Horst Udo freien Raum lassen und ihn auf Facebook nach seinem Gutdünken gewähren lassen. Was er sagt, ist nicht meine Meinung, sondern seine. Er ist die erste digitale Persönlichkeit, die frei von den Zwängen der realen Welt ist. Horst Udo ist mein Sohn, mein Bruder und ich. Die heilige Dreifaltigkeit der digitalen Welt.

Wenn es Kontakte gibt, die sich von Horst Udo trennen wollen, so ist das euer gutes Recht. Ihr könnt aber weiterhin mit ihm befreundet bleiben und ihm helfen, seine Person zu erweitern. Horst Udo bin nicht ich. Ich bin nicht Horst Udo. Sie sind eins und doch sind sie einzigartig.
Wer noch Fragen hat, kann Horst Udo gern anschreiben. Er leitet die Frage dann an mich weiter.

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