Wahlfrieden

In wenigen Wochen ist es wieder soweit: Wir dürfen wiedermal das Kreuz setzen, welches wir die nächsten vier Jahre dann auch tragen dürfen. Und schon winden sich die Volksparteien in heftigen Schlagabtauschen, hitzigen Diskussionen und überbieten sich gegenseitig in ihren Wahlversprechern. Ein Wahlkampf wie ein warmer Sommerregen. In der einen Ecke Angela „The Mutti“ Merkel und in der anderen Ecke Peer „Fettnäpfchen“ Steinbrück. Und der Kampf ist spannender denn je… wer wird sich zuerst positionieren? Wird Merkel es überhaupt jemals tun? Steinbrück hat wenigstens schon ein paar utopische Aussagen getroffen, Ideen vorgestellt und ein Programm ausgearbeitet, welches die ersten 100 Tage nach der Machtübernahme ausgeführt werden soll. Es wird sich erzählt, dass Merkel höflich gelacht haben soll und dann laut weiter überlegte, was sie nach der Abdankung machen wird – im Jahr 2017, 2021 oder 2025.

Dabei verfolgen beide Kontrahenten durchaus verschiedene Wahlkampfansätze. Während Merkel die bewährte Strategie des Aussitzens und Nichtfestlegens wählt, sucht sich Steinbrück mit der Sicherheit eines blinden Schiedsrichters jede Möglichkeit, von den regimetreuen Medien zerrissen zu werden. Selbst oppositionsgerichtete Organe wie die ZEIT oder der Mastdarm zeigen sich fassungslos ob der schieren Inkompetenz eines Wahlkampfteams, das verzweifelt versucht, einen ausgesprochenen Rationalisten in die Herzen der Wähler zu katapultieren. Wir wissen doch längst, das Wahlen nicht mit dem Kopf, sondern mit dem Bauch entschieden werden. Deswegen sagen wir ja auch von den Politikern auch nicht, dass sie dumm seien, sondern zum Kotzen.

Leider hat unsere Gesellschaft seit einiger Zeit ein Systemfehler: der Wirtschaftlobbyismus regiert unser täglich Leben. Es geht um Leistung, die man in Zahlen und Quoten ausdrücken und in Geld übersetzen kann. Quotenstark ist der hämische Kommentar über die sich selbst auflösenden Wahlplakate der SPD in Niedersachsen, der natürlich auf die Kanzlerqualität Steinbrücks bezogen wird. Dort hatten die Genossen die Idee, ihre Wahlwerbung auf ökologisch vertretbarem Papier zu drucken, das sich durch Regen selbstständig auflöst – eine Idee, auf die noch nicht einmal die verwelkten Grünen gekommen sind. Welch schönes Bild für die Vergänglichkeit von Macht – eine Lektion, die Angela Merkel noch zu lernen hat.

Man darf gespannt sein, wie es weiter geht. Die FDP wird wohl wieder in den Bundestag einziehen. So um die 5% liegen sie meistens, dazu noch einige Unentschlossene, Wechselwähler und Leihstimmen von der christlich-sozialen Resterampe – passt. Aus Dankbarkeit werden sie ihre Grundpositionen am Koalitionstisch verraten und damit ihrem eigenen Klientel in den Rücken fallen. Und dann sage noch einer, dass die CDU stets gegen die Sterbehilfe argumentiert.

Aber das große Thema der letzten Tage ist und bleibt das Kanzlerduell. Merkel verschwurbelte sich in langen Sätzen und beantwortet dabei Fragen, die sich selbst gestellt hat. Was das Wahlvolk interessiert ist ja nicht so wichtig. Hoch interessant dagegen ist, das Deutschland in den letzten vier Jahren wirtschaftlich stabil ist, die Arbeitslosenzahlen gesunken und die außenpolitische Machtpositionen gestiegen sind. Wen interessiert es da, dass die Stabilität der Wirtschaft der Lobbyismuspolitik der FDP zu verdanken ist, die Arbeitslosenzahlen zwar gesunken, die Menschen aber von ihrer Arbeit nicht überleben können und die Machtpositionen im Ausland dazu genutzt werden, um fremden Ländern eine Innenpolitik zu diktieren. Merkel ist mit ihrer liberalen Armee wesentlich weiter gekommen als Hitler mit der Wehrmacht.

Das Duell zu analysieren ist eine große Aufgabe. Dass die beiden Kandidaten ihre Sprechblasen von sich sonderten sei dahingestellt. Die können nicht anders. Steinbrück wiederholte seine bekannten Positionen, Merkel legte sich nicht fest. Erst als sie auf das Thema Mautgebühr festgenagelt wurde, musste sie Farbe bekennen. Das behagte ihr nicht, da die CSU schon angekündigt hat, dass sie einen Koalitionsvertrag nur dann unterschreibt, wenn die Mautgebühr für Ausländer kommt. Selten so gelacht. Wie oft hat Seehofer jetzt mit Koalitionsbruch gedroht? Wie oft hat er es durchgezogen? Das Gepolter aus Bayern ist ein Sturm im Wasserglas. Und Mutti war sackig. Zornesröte stieg ihr ins überschminkte Gesicht, Mordgedanken gegen Stephan Raab schossen ihr durch den Kopf. Wie kann er es wagen? Majestätsbeleidigung! Ab mit dem Kopf!! Das Duell fand nicht zwischen Steinbrück und Merkel statt, sondern zwischen Raab und der Kanzlerin. Und es ist sehr erschreckend, wenn der beste Moderator des Abends einmal mit Liedern wie „Wadde hadde dude da“ und „Der Maschendrahtzaun“ berühmt wurde. Alle anderen … Anne Will stellte brisante Fragen wie „Sind Sie eigentlich privat versichert?“ Man erwartete stets, dass sie die Kanzlerkette befragte, wie es sei, auf dem Dekolleté der Macht zu liegen.

Auf der anderen Seite stand Peter Kloeppel. Mehr kann man kaum sagen. Er stand halt nur. Wenn er mal Fragen stellte, dann solcherart, dass sie sein RTL-Hartz IV Publikum auch verstand: „Wie werden die Strompreise konkret steigen.“ Das war dann der Augenblick als Merkel und Steinbrück unison in zurückhaltende Fassungslosigkeit ausbrachen. Kloeppelchen, kein Mensch weiß, wie die Strompreise in den nächsten Jahren steigen werden. So eine Kilowattstunde bezahlt man nicht wie eine Nutte im Puff. Da sind Kosten wie die EEG- und die Offshore-Umlage enthalten, Konzessionsabgaben, damit die Leitungen verlegt werden dürfen, Strom- und Mehrwertsteuer, KWK und Stromnetzentgelte. Und da sind Erzeugung, Vertrieb und Transport noch nicht mal inbegriffen. Wenn der Hartzer wissen will, wie sich die Preise entwickeln, muss er sowohl der Energiepolitik, der Umweltpolitik, der Wirtschaftslage seines Stromlieferanten und der Energieerzeugungsart folgen und diese Faktoren gegenrechnen. Leider sind viele Menschen schon damit überfordert die TV Programme der Privaten als fiktiv anzuerkennen. Komplexe Zusammenhänge werden kaum verständlich im Nachtprogramm der öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten erklärt. Wenn überhaupt. Außerdem hat kein Politiker, auch nicht Kanzler und Kanzlerkandidat einen Überblick über all die Gesetze, Novellen, Verordnungen und Schlupflöcher. Solange noch kein Patent für eine Kristallkugel angemeldet wird, kann man sich solche Fragen sparen.

Maybritt Illner versuchte die ganze Zeit, wenigstens gelangweilt zu wirken. Es gelang ihr nur ansatzweise. So richtig reingekniet hat sich eben nur Stephan Raab. Wie tief ist die Journalistik gesunken, dass ein Spaßmacher, ein Unterhaltungsprofi, ein Trivialmoderator eine bessere Figur abgibt als die Menschen, die unsere Meinung bilden sollen. Für wen spricht das? Für Stephan Raab, der es schafft, die richtigen Fragen im richtigen Moment den richtigen Leuten zu stellen oder gegen seine Kollegen, die sich zu ernst nehmen und pathetisch-tragend im Raum stehen und verwirrt amüsiert über die Antworten nicken auf Fragen, die nie gestellt wurden?

Und was blieb übrig? Nach dem Duell kam dann die Bankrotterklärung in Form von Günther Jauch. Ich fragte mich, ob es nicht möglich sei, den Moderator aus seiner eigenen Sendung zu werfen. Wann immer eine inhaltlich interessante Diskussion zwischen Steinmeier und Stoiber anzubrechend drohte, hechtete Jauch dazwischen, um auf die Regeln und Abläufe eines solchen Duells einzugehen. Wen interessiert das bitteschön? Und wann immer ein Teilnehmer auf Aussagen der Kandidaten Bezug nehmen wollte, um einen bestimmten Punkt zu unterstreichen, hüpfte Jauch wie ein Gummiball durch das Studio. „Wir haben das auf Video! Das ist Fernsehen! Lasst uns das Video anschauen. Nein, Herr Steinmeier, Sie dürfen nicht ausreden, erst will ich das Video zeigen, in dem genau das gesagt wird, was Sie eben wörtlich zitiert haben!!“ Günther, das kannst du gern bei RTL machen, dessen Zuschauer zwischen Alkoholdemenz und völliger Konzentrationslosigkeit leiden, so dass man Gewinnspiele auf das Niveau eines Erstklässlers senken und alle Details ede Minute dreimal wiederholen muss. („Welche Farbe hat das grüne Auto? Rufen Sie 0900 – 564254 an, und sagen Sie uns, welche Farbe das grüne Auto hat. 0900 – 56425. Sagen Sie a) grün oder b) Rotterdam und gewinnen Sie das grüne Auto aus dem Gewinnspiel, in welchen Sie uns sagen müssen, welche Farbe das grüne Auto hat. 0900 – 56425“). Weiter ging es dann damit, dass er Alice Schwarzer als „Herr Schwarzer“ ansprach und den Fußballspieler Paul Breitner zu politischen Analysen motivierte, die zeigten, dass der Mann einen Kopfball zu viel im Tor versenkt hat. Ehrlich, wer kommt auf die Idee, Fußballspieler in eine politische Talkrunde einzuladen? Wenn die was im Kopf hätten, wären sie nicht Fußballspieler geworden.

Und wer hat gewonnen? Eindeutig: der Hersteller der Kanzlerkette.

Wir werden sehen, was die nächsten Wochen bringt. Wird das TV-Duell Einfluss auf den drögen Wahlkampf haben? Wird Peer Steinbrück sein Tief überwinden? Haben die Leute endlich erkannt, dass Merkel aus mehr heißer Luft besteht als der Schwebkörper eines handelsüblichen Zeppelins? Ich fürchte nicht. Und 2017 heißt es dann: „Same procedure as last year, Mrs Merkel?“ – „Same procedure as every year, James.”

Kommentar verfassen