Hell und Dunkel

Deutschland wird immer wieder gern als ein geteiltes Land bezeichnet. Ost und West, arm und reich, Merkel und… – na gut, da sind wir wohl leider alternativlos.

Doch in den letzten Wochen kam eine neue Teilung auf. Eine Teilung in hell und dunkel. Ironischerweise gehören dabei die, die nicht besonders helle sind, zum dunklen Deutschland.

Warum diese Teilungen überhaupt nötig sind, erschließt sich mir zwar nicht, aber wenn man sie nicht bekämpfen kann, dann muss man gemeinsame Sache mit ihnen machen. Ich teile also auch ein – in Menschen und in Analversiffte, Rechten-Arm-Streckende, Mit Latenter Ehrlosigkeit Und Chronischer Hitlerischen Tendenz, Erbärmliche Rüpel, kurz: A.R.M.L.E.U.C.H.T.E.R.

Wir erleben zur Zeit eine der größten Flüchtlingswellen seit dem zweiten Weltkrieg. Menschen, die in ihrer Heimat nicht nur alles verloren haben, sondern auch um ihr nacktes Überleben fürchten müssen, machen sich auf den beschwerlichen Weg von oft tausenden Kilometern. Sie besitzen häufig nur eine Tüte voller Kleidungsstücke und die leise Hoffnung, im reichen Europa ein Platz zum Schlafen zu finden, etwas zu Essen und eine Möglichkeit zur Ruhe zu kommen. Unter diesen armen Schweinen befinden sich nicht nur junge Männer, sondern Kinder, Frauen, alte Menschen und Kranke.

Wie schlecht muss es einen gehen, wie viel Angst muss man um sein Leben haben, bis man beschließt, alles hinter sich zu lassen und in eine ungewisse Zukunft zu fliehen? Auf dem Weg hierher sind viele Menschen traumatisiert worden. Ausgenutzt von Schleppern, die ihnen das letzte Geld und Würde abknöpften, Frauen und Mädchen, die vergewaltigt wurden, wenn sie die Weiterfahrt nicht bezahlen konnten – oder einfach weil sie Frauen und Mädchen sind – und stets die Befürchtung, das Ziel nicht zu erreichen, weil irgendeine Bande der Meinung ist, es sei eine gute Idee, 70 Menschen in einen hermetisch abgeriegelten LKW zu stopfen und sie an einer weit entfernten Raststätte auszusetzen. Lebend oder tot – bezahlt wird im Voraus.

Diejenigen, die es geschafft haben, nach Europa zu kommen, erleben nun, wie in Deutschland die Unterkünfte angezündet werden, in denen sie kurzzeitig übernachten sollen. Sie müssen sich Hetzparolen anhören von einem nach Blut und Mord schreienden Mob, der aus Menschen besteht, für die das Wort „Elend“ bedeutet, dass ihnen der Staat das Wohngeld zahlt.

Auf der anderen Seite sehen diese Menschen aber auch, wie groß die Solidarität und Hilfsbereitschaft in diesem Land sein kann, wie sehr man sich anstrengt, Mitmenschlichkeit nicht nur zu predigen, sondern auch aktiv umzusetzen.

Natürlich können wir nicht jeden aufnehmen. Der Staat muss aussortieren und abschieben – das ist keine Frage. Aber wir dürfen zwei Dinge nicht vergessen: unsere Menschlichkeit und unseren Auftrag als reiches, zivilisiertes Land. In unserer Verfassung steht, dass die Würde des Menschen unantastbar ist. In unserer Verfassung steht auch, dass jeder politisch Verfolgte Asylrecht genießt. JEDER politisch Verfolgte!

Es ist die Aufgabe des Staates, für alle Menschen Klarheit zu schaffen, auszusortieren und denjenigen Schutz und Hilfe zukommen zu lassen, die sie dringend nötig haben. Und natürlich auch diejenigen wieder in ihre Heimat zu schicken, die dort „einfach nur“ keine Perspektive mehr sehen und in Deutschland ihr Glück versuchen wollen.

Jetzt gibt es einige, die der Meinung sind, wir sollten uns erst einmal um unsere eigenen Probleme kümmern. Wir hätten genug Obdachlose und Hartz-IV-Empfänger, Rentner, die Flaschen sammeln müssen und Jugendliche ohne Aussicht auf ein geregeltes Einkommen. Diesen Menschen möchte ich gern meinen gereckten Mittelfinger tief in den Anus stecken. Leid kann nicht mit Leid aufgewogen werden. Die Bedürftigen gegen die Mittellosen auszuspielen zeugt von einer skrupellosen Bilanzierung von Menschenleben. Wie wollt ihr denn vorgehen? Hat ein deutscher Obdachloser den Wert von fünf Wirtschaftsflüchtlingen vom Balkan und einem halben politisch Verfolgten Syrer? Sind zwei erschossene Brüder und eine vergewaltigte Schwester gleichzusetzen mit dem Verlust der eigenen Wohnung? Oder hat sich der Umrechnungskurs bereits geändert? Gibt es eine Börse des Leides?

Es stimmt, es gibt vieles zu verbessern in unserem Land. Es wird immer Ecken der Ungerechtigkeit geben, die abgetragen werden müssen. Aber das heißt nicht, dass wir solange das Leid der Flüchtlinge unter die Nöte der Deutschen stellen.

Ich höre schon die Stimme von der Packstation: Wenn dir die Leute so leid tun, dann nimm doch welche in deiner Wohnung auf! Spende doch all dein Hab und Gut! Gib ihnen deinen ganzen Lohn!

Wer sowas ruft, der hat es nicht begriffen. Es geht darum, im Rahmen der eigenen Möglichkeiten zu helfen. Der eine verdient genug, um hier mal eben 100 Euro springen zu lassen, andere haben eine leerstehende Wohnung, die sie – sogar gegen ein kleines Entgelt – dem Staat als Unterkunft zur Verfügung stellen können. Wiederum andere haben Zeit und verteilen Kleidung und Obst, spenden Trost, lehren Deutsch oder passen einfach nur auf die vielen Kinder auf. Dritte klären die nächste Generation auf und ersticken den braunen Scheiß, der sich in den Köpfen breitmachen will mit Menschlichkeit und Solidarität. Soziales Engagement kommt in vielen Formen.

Niemand auf dieser Erde möchte böse sein. Jeder hat mehr oder weniger gute Motive für sein Handeln. Sei es Angst, Verunsicherung und Unwissen. Aus diesen Motiven resultieren Handlungen an denen der Mensch gemessen wird.

Es ist leicht zu helfen, wenn man das Elend nicht erträgt und Mitleid mit den Menschen hat. Wer wirkliche Größe zeigen will, wer Deutschland zu einem Land machen will, auf das man stolz sein kann und darf, der setzt seinen Nationalstolz in Taten um und heißt diejenigen willkommen, die unter Mühen hierhergekommen sind, um das Land zu erleben, das für seinen Reichtum, seine Mitmenschlichkeit und seine Opferbereitschaft bekannt ist.

Deutscher zu sein heißt nicht, Flüchtlingsunterkünfte abzufackeln. Deutscher zu sein heißt, das Glück, in diesem Land geboren worden zu sein, mit denen zu teilen, deren eigene Heimat sich gegen sie gewandt hat.

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