Von Räten und vom Raten

Stoßen euch die Ratingagenturen auch langsam sauer auf? Griechenland, Portugal und jetzt Irland wurden auf Ramschniveau heruntergestuft, weil die Agenturen einfach so festgelegt haben, dass die Länder nicht mehr zahlen können. Ich versteh das nicht: sitzen die Manager den ganzen Tag auf ihren fetten Ärschen und losen aus, welches Land sie als nächstes ruinieren wollen? Statt den Ländern zu helfen, schauen die Schweine nur aufs Geld und wie man es aus den Menschen herauspressen kann. Die nächste Revolution sollte sich nicht gegen die Politik richten, sondern gegen Fitch und Moodys.

Ist euch schon mal aufgefallen, dass die Namen klingen wie Charaktere aus den Harry Potter Büchern? Sie hocken bei Professor Trelawny in einem Turm, dessen höchstes Zimmer mit zweifelhaften Dämpfen erfüllt ist, der aus „Räucherstäbchen“ (zwinker, zwinker) quillt. Verträumt schaut Trelawny in ihre Kristallkugel. Fitch kratzt sich an der Nase und Moody putzt sein magisches Auge. „Mir ist langweilig…“ sagt er. Fitch antwortet träge: „Wir können ja eine Runde ‚Ich sehe was, was du nicht siehst‘ spielen. Aber dein Auge bleibt draußen!“
„Ich sehe jetzt schon was, was andere nicht sehen können. Der Adler beißt dem Frosch den Kopf ab und die Hydra stirbt.“ Trelawnys Augen weiten sich. ‚Die Alte hat echt ein Stäbchen zu viel geraucht. ‘ denkt Fitch ‚Was holen wir uns auch die Praktikanten von AstroTV für diesen Job? ‘
„Was soll das schon wieder heißen, Trel?“ fragt Moody. Plötzlich ist er wieder wach. Wenn die alte Hexe solche Sprüche ablässt, kann man sich sicher sein, dass bald die Bude raucht – und das ist diesmal nicht wörtlich zu verstehen.
„Die Hydra verliert ihren letzten Kopf, wenn das Blutgeld zurück zum Adler fließt.“ Fitch und Moody sehen sich an. „Was meint sie damit?“
„Ah, Moody, du warst schon immer der Unterbelichtetere von uns beiden. Ist doch klar: Der Adler ist Deutschland und die Hydra ist Europa. Alle Länder haben in den Europäischen Stabilitätsmechanismus eingezahlt, damit hoch verschuldete Staaten gerettet werden können. Griechenland zum Beispiel oder Portugal. Jetzt auch Irland. Dieses Geld soll dazu verwendet werden, damit der Staat nicht Pleite geht. Aber: diese Gelder sind nur Kredite und müssen zurückgezahlt werden. Und um diese Kredite zu bekommen, muss der Staat erst einmal beweisen, dass er eigentlich keine braucht. Deswegen bekommen die am höchsten verschuldeten Staaten auch keine Kredite mehr, weil die Blutgeldgeber, also die Hydra, nicht sicher sein können, dass sie das Geld auch zurückbekommen. So einfach ist das.“
„Das ist doch bekloppt.“ meint Moody „Wir stellen einen Topf Geld hin, der für den Notfall gedacht ist, geben das Geld aber nicht an die Länder raus, die in Not sind, weil wir das Geld nicht zurückbekommen könnten?“
„Genau. Und unsere Aufgabe ist, die Länder einzuschätzen, ob sie nach der Pleite zahlen können.“
„Aber das ist doch hirnrissig. Wenn sie pleite sind, wovon sollen sie denn die Kredite zurückzahlen?“
„Siehste, dass ist es: sie bekommen ja keine Kredite, weil sie sie nicht zurückzahlen können.“
„Und wofür ist dann der Topf da?“
„Der Topf steht für die europäische Idee, im Notfall zusammenzuhalten.“
Der Rauch im dunklen Turm wird immer dichter. Vor den Augen der beiden Räte beginnen bunte Farbbilder zu flackern. Moody überlegt. „Aber woher wissen wir denn, ob die Länder zahlen können oder nicht? Ich meine, wir sitzen hier, rauchen den einen oder anderen und hören uns an, was Trelawny auf Dope von sich gibt. Und seit ihrem letzten Trip sieht es nicht mehr besonders gut aus.“
Fitch seufzt. „Also: in Griechenland waren wir letztes Jahr im Urlaub. Wir haben die Akropolis besichtigt. Ehrlich, das Ding ist eine Ruine. Naja und da dachte ich mir, wenn die schon nicht das Geld haben, ordentliche Häuser zu bauen, dann wird das ja wohl nichts. Gleiches in Portugal. Wir waren in Miróbriga. Kein Stein mehr auf dem anderen.“
„Und was war mit Irland? Da waren deine Frau und du doch noch nicht.“
„Nein, aber da wollen wir dieses Jahr hin und wegen der Euro-Krise sieht es auf meinem Konto eher düster aus…“

So oder so ähnlich stell ich mir die Besprechungen in einer Rating-Agentur vor. Keine Ahnung von nix, schauen in ihre Kristallkugeln und versauen mit einer Unterschrift den Ruf eines Volkes. Merken die nicht, welche Macht sie haben? Dank der Heruntersetzung Griechenlands, konnte die BILD Zeitung eine Welle von ausländerfeindlichen Berichten drucken. Und diesmal ging es nicht um ferne, tali-albanische Terroristen oder nahe, grüne Politiker, sondern um ein alteingesessenes Volk, auf dessen kulturellen Wurzeln unser Europa fußt. Die haben die Demokratie schon ausprobiert als die Vorfahren der BILD-Reporter noch in Fellen durch den mitteldeutschen Wald gestreift sind und sich nur mit Hilfe primitiver Grunzlaute verständigen konnten – sozusagen ein Ausblick auf ihre journalistische Zukunft. Faule Griechen, träge Portugiesen und jetzt inaktive Irländer.

Dabei könnte es so einfach sein, wenn man mal den gesunden Menschenverstand einsetzt und nicht aufs Geld schielt. Beispiel: In meinem Freundeskreis gibt es einige, die haben einen guten Job, andere leben von Bafög und Mini-Job und wieder andere haben zweifelhafte Einkünfte. Wir alle können überleben, manche besser, manche schlechter. Einer von uns, nennen wir ihn spaßeshalber Gregorio, ist nun kurz vor der Pleite. Alle anderen legen zusammen und geben ihm das Geld. Wir sind schon lange Freunde und wissen, dass er nicht einfach mit dem Geld abhaut. Ach, lass uns einfach einen Schuldschein ausschreiben, der signiert und von einer neutralen Person z.B. einem Notar versorgt wird. Soweit, so normal. Gregorio kann also seine Insolvenz abwenden, steht aber bei seinen Freunden in der Kreide. Was macht er? Da er ein guter Freund ist und auch aus der Clique nicht verstoßen werden will, fängt er an, seine Schulden abzustottern. Vielleicht muss er sich in seinem Lebenswandel ein wenig einschränken, aber nach und nach bekommen alle ihr Geld zurück. Wir feiern das Ganze dann mit dem rituellen Verbrennen des Schuldscheins und trinken gemeinsam einen. Problem? Warum machen wir das? Weil wir Gregorio vertrauen. Deswegen bekommt er auch keine Zinsen aufgedrückt. Wir haben nicht das Interesse daran, Gregorio in eine vielleicht lebenslange Abhängigkeit zu treiben. Wir sind seine Freunde und wollen ihm helfen, sonst hätten wir gleich auf den Topf verzichten können. Man verdient kein Geld durch die Not anderer.

Vertrauen wir unseren Europäischen Mitgliedsstaaten nicht genug, dass wir sie vorher von privatWIRTSCHAFTLICHEN Firmen prüfen lassen müssen? Ich meine, die werden öfter zu Rate gezogen, je zuverlässiger ihre Vorhersagen sind. Also prognostizieren sie einen zukünftigen Untergang des betreffenden Finanzwesen, was zu Folge hat, dass Geldmittel zur Rettung nicht ausgezahlt werden und – ÜBERRASCHUNG – das Finanzwesen des Staates untergehen lässt. Selbsterfüllende Prophezeiungen sind so praktisch, wenn sich damit Geld verdienen lässt.

Um Europa aus der Krise zu führen, ist es vielleicht notwendig von dieser Zinspraxis abzukommen, an die die Kredite aus dem Euro-Rettungsschirm gebunden sind. Wenn ihr die europäische Idee nicht sterben lassen wollt, dann hört endlich auf, nur ans Geld zu denken und denkt an die Menschen in den Ländern, die sich nun massiv einschränken müssen, nur damit sie die Zinsen der Kredite zahlen können. Und bitte, analog zu Shakespeare, tötet alle Rating-Agenturen!

Kommentar verfassen