The Art of Waren

Donnerstagnachmittag. Es ist brechend voll. Kein Wunder, morgen ist Feiertag. Zwar haben wir am Samstag regulär offen, aber man weiß ja nie. Könnte ja sein, dass morgen die Welt untergeht. Und wenn dann die vier Reiter der Apokalypse vor einem stehen und man hat nicht mal Gebäck anzubieten, dann ist das ja schon ein bisschen peinlich. Ein Naturgesetz des Einzelhandels lautet daher: vor Feiertagen gibt es Hamsterkäufe. Es sei denn, wir haben wirtschaftlichen Aufschwung. Dann kauft hier keiner was. Aber wehe wir haben eine Finanzkrise. Je schlechter der Euro steht, desto mehr kaufen die Leute ein. Manchmal bekomme ich das Gefühl, dass allein mit den Mehrwertsteuereinnahmen meiner Kasse nicht nur Griechenland, Portugal und Irland gerettet werden könnten, sondern dass von dem übrig geblieben Geld die bisher hinterzogenen Steuern der gesamten FDP bezahlt werden könnten. Kaum drohen Massenentlassungen, Inflation und Rezession, kaufen die Leute jeden Scheiß. Kunstschnee in Getränkedosen zum Beispiel.. Ehrlich, welches Hirn gibt seinem Träger das Signal: „Morgen ist Feiertag. Danach geht die Welt unter. Wir brauchen dringend Kunstschnee in Getränkedosen.“ Dann rammeln sie in die Supermärkte, immer auf der Suche nach Sachen, die sie nicht brauchen, welche sie von Geld bezahlen, was sie nicht haben, um Leute zu beeindrucken, die sie nicht leiden können. Und diese Dinge wollen sie am besten sofort, ohne zu bezahlen und ohne sie einpacken zu müssen. Raus aus dem Regal, rein in den Kühlschrank.
Zwischen diesen ausgeglichenen und geduldigen Kunden verstecken sich hin und wieder auch wandelnde Ein-Mann-Kneipen. Sie läppern sich normalerweise an den Bushaltestellen zusammen. Es sei denn sie brauchen Bier- und Zigarettennachschub. Den Rest des Tages stehen sie rum und schimpfen. Besonders gern darüber, dass Bier und Zigaretten wieder teurer geworden sind. Und das ausgerechnet jetzt, wo die Harzt IV Subventionen für Bier und Zigaretten gestrichen wurden. Was für eine kalte, grausame Welt. Plötzlich steht ein Kunde vor mir.
„Ich hatte Durst.“ nuschelt er, „Ich hab schon mal einen kleinen Schluck genommen.“ Dann stellt er eine halb leergetrunken Flasche auf das Band. Es ist Korn.
Ich schaue zu ihm hoch. Vor mir steht einer von der Bushaltestelle. Meine Nase nimmt ein Aroma wahr, welches ohne Probleme als mittelstarkes Anästhetikum eingesetzt werden könnte. Debil grinsend und leicht schwankend möchte er bezahlen. Zeitgleich versucht er mir zuzuzwinkern. Aber er vergisst, dass Auge auch wieder zu öffnen. Wenig später fällt ihm auch das andere Auge zu und an seinem gleichmäßigen Atmen erkenne ich, dass er eingeschlafen ist. Behutsam stelle ich ihn ein wenig an die Seite, damit die anderen Kunden nicht über ihn stolpern. Friedlich müffelnd und leise schnarchend gleitet er langsam in einen tiefen Schlaf.

Eine Dame ist als nächstes dran. Sie gehört zu dem Typ Frau, die „Scheiße“ mit „Eu“ schreibt. Das Lieblingslied ihrer Nase ist „Über den Wolken“. Ihr kennt die Art von Frau. Großmut, Ruhe und Gelassenheit sind Fremdworte für sie. Wenn sie nicht sofort alles bekommt, dann ist das soeben genannte Stoffwechselendprodukt aber am sublimieren. Sie verklagt den ganzen Laden und macht mich persönlich für das Verpassen ihres Maniküre-Termins verantwortlich. Und das nur, weil sie nicht schnell genug ihren Deko-Sand und die Petersiliensamen bezahlen konnte. Schon hebt sie an:
„Dauert denn das noch lange? Ich stehe hier schon seit STUNDEN. Wenn ich zu spät komme, dann bist DU daran schuld…“
Klar, Ich bin immer schuld. Und nicht nur ich. Jeder Angestellte dieses Ladens ist per se schuld. Das steht auch so in unseren Arbeitsverträgen. Paragraf sieben, Absatz 5b: Der Angestellte hat immer Schuld. Es gab schon Fälle, da wurden Kollegen rechtskräftig entlassen, weil man ihnen zweifelsfrei nachweisen konnte, dass sie keine Schuld hatten.
Meine Kundin steigert sich noch ein wenig. Es könne ja nicht sein, dass man an meiner Kasse EWIG stehen müsste, während mein Kollege nebenan schon seit über 10 Minuten nichts zu tun hätte. Außerdem sei das Band zu kurz und überhaupt….
„…haupt..“ kommt es leise von rechts.
„Hast du was dazu zu sagen?“ keift die Dame.
„…agen…“ kommt es wieder von rechts.
„Gibt es hier irgendwo ein Echo, oder was?“
Ich betrachte nachdenklich meinen betrunkenen Freund. Er spricht wohl im Schlaf.
Die Kundin zetert noch eine Weile vor sich. Macht nichts. Ich höre eh nicht zu. Das ist auch so eine Spezialität, die Kassierer zur Perfektion entwickelt haben. Wir können glattweg ignorieren, was die Kunden gerade wieder an Kritik üben, aber gleichzeitig ein total interessiertes oder bedauerndes Gesicht machen. Je nach Anlass, aber stets mit demselben Ergebnis: völliges Vergessen der soeben im schönsten Tinitus vorgetragenen Beschwerde. Meine Kundin weiß das nicht und meckert, bezahlt, meckert weiter, packt ein, meckert noch ein wenig mehr und geht endlich. Allerdings vergisst sie ihre Platinum-American Express Karte im Lesegerät. So wird das nichts mit der Maniküre. Ich stecke die Karte ein, damit sie nicht gestohlen wird. Die normale Prozedur bei verloren gegangenen Karten legt fest, dass man sie so zeitnah wie es nur geht an der Info abgibt. Ich schau auf die Uhr. Es ist halb drei, in einer halben Stunde hab ich Pause und um 22.00 Uhr Feierabend. Das Verhalten der Kundin bedenkend, sage ich mir, dass 22.00 Uhr zeitnah genug ist.

Der nächste Kunde grinst mich schon an. Ich kenne den von irgendwoher, Aber woher bloß?
„Na, alles fit im Schritt?“
Jetzt fällt es mir ein: mein Urologe.
„Heute komme ich mal zu Ihnen an den Arbeitsplatz. Hoffentlich habe ich hier genau so viel Spaß, wie Sie bei mir.“
Witzbold. Welcher Mann in meinem Alter geht schon gern zum Urologen? Und welcher Mann in egal welchem Alter möchte schonen seinen Genitalarzt in einer anderen Situation treffen als innerhalb des Untersuchungszimmers?
Wenigstens müssen die Kunden bei mir nicht ihre Hose herunterlassen.
Gleich darauf schäme ich mich. Ich meine, der hat doch echt einen richtig beschissenen Job, der Mann. Ständig musst du dir die Genitalien fremder Männer anschauen. Und diesen Leuten, die du ohne Probleme anhand Form, Farbe und Ausrichtung ihres primären Geschlechtsorgan erkennst – eine Fähigkeit, die noch nicht einmal für „Wetten dass..!?“ was taugt – diesen Leuten begegnest du dann beim Einkaufen. Wie geht ein solcher Mensch durch das Leben? Schlendert er durch unsere Gänge und klassifiziert unsere Kunden nach ihren Krankheiten.
‚Oh an der Käsetheke steht die Hydrozele testis von neulich neben der geschwollenen Prostata. Und bedient werden sie von der Harnröhreninfektion.‘ Wie muss sich ein Mann fühlen, der sowohl seinen Briefträger, deinen Bäcker und seinen Kassierer nackt kennt? Darunter auch Leute, die man teilweise noch nicht mal voll vermummt ertragen kann. Echt kein leichtes Leben. Aber auch für uns Patienten ist es auch eine eher unangenehme Situation. Man ist ja schon leicht peinlich berührt. Denkt er vielleicht gerade über meine Diagnose nach? Schätzt er die Höhe meines Einkommens und damit die meiner Krankenkassenbeiträge und beschließt, mir das nächste Mal ein billigeres Antibiotikum zu verschreiben?
Gott sei Dank ist dieses Zwischenspiel mit ihm schnell vorbei. Als er geht, wirft er noch einen verdutzten Blick auf den vor sich Hindösenden. Ganz kurz kann man Erkennen in seinen Augen aufblitzen sehen.
„Bis morgen. Herr Doktor…“ murmelt der Betrunkene.

Während ich diese hoch interessante Begegnung verfolge, höre ich, wie ich freundlich begrüßt werde:
„Hallöchen, na wie geht’s dir?“
Eine freundliche, weibliche Stimme. Ich bin verwirrt. Das kenne ich so nicht. Seit wann interessiert es einen Kunden, wie es mir geht?
„Ähm danke…. Gut. Und selbst?“ antworte ich.
„Ach das ist ja schön… Ich war nur schnell was einkaufen.“ sagt sie
„Ja,“ erwidere ich, „das kann man bei uns durchaus machen. Es ist sogar die primäre Funktion eines Supermarktes, dass man hier einkaufen kann.“
„Nein, nein, ich stehe schon an der Kasse…“
Jetzt wird es mir doch zu blöd. Ich schaue mir die Kundin genauer an. Tatsächlich. Sie telefoniert. Und ich dachte, ich werde hier mal als Person wahrgenommen. Aber nein. Hätte ich mir denken könne. In dem Wort „Dienstleistung“ steckt das Wort „Diener“ quasi mit drin. Und was anderes sind wir in den Augen mancher Leute ja nicht. Diener, Sklaven, Morlocks. Nur dazu da um den Herrenmenschen das Leben soweit es geht zu erleichtern, um die besseren Menschen der Gesellschaft von der Knechtschaft niederer Arbeit zu befreien. Die Würde des Menschen ist unantastbar, die Würde des Dienstleisters unauffindbar.
Ich will ja nicht den roten Teppich unterm Stuhl haben. Aber es wäre schon schön, wenn der Kunde an sich nicht telefonieren würde, wenn ich dabei bin, seine Waren zu scannen.
„Das wären dann 23 EURO 76 Cents.“ sage ich zu der Kundin. Noch immer redend zückt sie die Geldbörse und knallt mir einen 50 Euro Schein hin. Dabei verdreht sie die Augen als wolle sie mir sagen, dass ich sie nicht beim Telefonieren stören soll. Na warte, das Spiel kann man auch zu zweit spielen. Langsam nehme ich das Geld, dann sehe ich ihr direkt in die Augen uns sage laut und deutlich: „Haben Sie eine Payback-Karte?“ Ich merke an ihrer Mimik, dass ich sie langsam nerve. Gut so. Sie wirft ihre Karte auf das Tischchen. Seelenruhig nehme ich es in meine Hand. Dabei entlasse ich sie keine Sekunde aus meinem Blick. Es ist High Noon und Zeit für eine Abrechnung in Daisy Town. Timothy Dalton gegen Lucky Luciano. Um uns herum wird es still. Nur ein einsamer Koyote heult in der Ferne den Mond an. Ein Steppenläufer rollt durch das Bild. Ich kneife leicht meine Augen zusammen, schiebe den Zahnstocher in die rechte Ecke meines ausgedörrten Mundes.
„Haben Sie noch einen Pfandgutschein?“
„Nein.“ zischt mir die Dame zu. Dann wendet sie sich wieder ihrem Telefon zu: „Nein, du warst nicht gemeint… der Kassiererdödel quatscht mir gerade ein Loch an die Backe. Also wie war das mit Justin und Chantal?“
Kassiererdödel? Das saß. Ich hole zum alles entscheidenden Schlag aus: „Sammeln Sie unsere Treuepunkte?“
„Zum letzten Mal: Nein, ich hab nichts, ich sammle nichts und ich will nichts.“
Gut, wenn sie nicht will. Ich gebe ihr die Payback-Karte zurück, ohne sie gescannt zu haben, suche ihr das Rückgeld in möglichst kleinen Münzen raus und reiche es ihr mit einem entschuldigenden Blick. Die Kundin nähert sich ihrem Siedepunkt. Bevor sie jedoch etwas sagen kann, versetze ich ihren Nerven den Todesstoß: „Ich wünsche Ihnen noch ein wunderschönes Wochenende und bedanke mich ganz herzlich für Ihren Einkauf.“ Dann drehe ich mich blitzschnell zum nächsten Kunden und begrüße ihn mit meinem strahlensten Lächeln.
„Tja, Mädchen, das haste nun von deiner ewigen Quatscherei.“ mischt sich der mittlerweile erwachte Gildo Korn ein. Er hebt grüßend den Arm in meine Richtung und ruft mir zum Abschied zu: „Großer, machs jutt. Nach Feierabend kommste mal aufn Bierchen vorbei.“
Ich lächle, winke zurück und sehe wie er leise wankend Richtung Ausgang schlendert. Und in diesem Augenblick erkenne ich, dass Zufriedenheit und Glück manchmal nur ein Schläfchen an der Supermarktkasse entfernt zu finden sein kann.

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