Mein Gott, Wahl-ter

Ich bin enttäuscht, ich bin wütend, ich bin fassungslos. Warum, frage ich mich, warum? Der Plan war in seiner Einfachheit genial. Er war perfekt; von einer tragenden Schlichtheit und doch ohne Makel. Herr, wieso nahmst du mir meinen Traum? Warum tust du Deutschland das an?

In Anbetracht der Tatsache, dass die FDP es nicht schafft, die eigenen Auflösungserscheinungen konsequent zu Ende zu bringen, hatten wir beschlossen, sie bei jeder Landtagswahl aus den Parlamenten zu wählen. Sachsen Anhalt, Saarland, Rheinland Pfalz, Mecklenburg Vorpommern, Bremen, Berlin… ihr alle habt es geschafft und die gelbe Pest auf die politische Müllhalde verdammt. Wir wagten es zu hoffen, das Schleswig Holstein und Nordrhein Westfalen diesen heroischen Anstrengungen folgen. Aber was ist passiert? In beiden Landtagen sind sie wieder da, die Gollums des Wirtschaftslobbyismus. Was soll das?

Es kann nicht an Christian Lindner liegen. Der Mann, der aussieht wie ein uneheliches Kind von Vladimir Putin und Neil Patrick Harris (NPH würde nach dem Lesen dieses Satzes wahrscheinlich Selbstmord begehen, nur damit er sich im Grabe umdrehen könnte) ist so sympathisch wie eine Weinbergschnecke – und ebenso griffig. Dieser Mann also holt über 8% und lässt sich feiern wie Benedikt auf der Ostermesse. Vielleicht steckt aber auch ein perfider Plan dahinter: nach dieser Wahl, die eindeutig eine Personenwahl in NRW war, wird es eng für den Politiker, der mittlerweile noch unbeliebter geworden ist als Guido Westerwelle: Fipsi Rösler. Unser blinder Augenarzt ohne Abschluss fährt auf die Weiche, die ihn auf das politische Abstellgleis befördern wird. Trotzdem hat sich in der ARD erstmal selbst feiern lassen: wie toll doch der Beitrag der FDP (und damit ja auch sein Beitrag) in NRW sei. Für Rösler ist dieser Wahlgewinn aber keine wirklich gute Nachricht: Lindner ist ernst zunehmende Konkurrenz. In den eigenen Reihen werden schon Putschgerüchte gegen Rösler laut, der Koalitionspartner CDU kann sich nach der Gauckwahl sowieso nicht mehr auf das Wort der Liberalen verlassen und in der Bevölkerung entern die enttäuschten Wähler doch lieber das sichere Schiff der Piratenpartei. Wobei das Bild eines Eisbergs sicher passender wäre, da die FDP-Titanic grandios am Fluch der Karibik gescheitert ist. Nur der Untergang zieht sich schon so ewig. Nun, ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass diese Wahl die Angstblüte der FDP darstellt.

Ehrlich, nimmt die noch jemand ernst? Kann man das überhaupt noch? In NRW haben sie mit dem Slogan geworben: „Wir können auch ohne Schulden“. Scheinbar nicht, denn diese Wahlplakate wurden über Kredite finanziert. Gelebte Wahlverbrechen.

Und die SPD macht statt Kraft durch Freude, Freude durch Kraft. Keine zwei Minuten nach den ersten Prognosen wurde sie zur Kanzlerkandidatin hochgelobt; zur Aushilfsmerkel. Liebe Medien, lasst die Frau doch erstmal ihren Job in Düsseldorf machen. Kraft wird doch nicht einen auf Röttgen machen, wenn sie gerade genüsslich zusehen durfte, wie der zurückgetreten ist.

Wo wir gerade dabei sind, werfen wir doch mal einen Blick auf die CDU. Oder besser auf die Ruine, die einmal die CDU war. 26,3%, wie bitter. Während auf der Bundesebene noch laut posaunt wird „Wir haben die Kraft“, antwortet die NRW-SPD schon: „Nee, die haben wir und die wird jetzt Ministerpräsidentin mit einer Mehrheitsregierung.“ Seien wir ehrlich, jeder, der gelesen hat, dass Norbert Röttgen in NRW einen auf Ministerpräsident machen und dabei weiter gleichzeitig in Berlin in der großen Politik mitmischen will, wusste von Anfang an, dass diese Sache schief gehen wird. Du kannst nicht gleichzeitig Auto fahren und Flugzeug fliegen. Kein Wunder, dass der Nordrheinwestfale sich gesagt hat: „Der Typ ist uns in seinen Prioritäten zu unsicher, lass uns mal die andere nehmen.“

Jetzt wird es auch für Merkel eng. Ich weiß, die Hoffnung hege ich mit jeder Wahl, aber diesmal bin zu 83% sicher. In der Koalition bläst Rösler seine politischen Eier jetzt auf Maximalgröße auf – das heißt zwar nicht viel, aber die Liberalen könnten jetzt noch widerspenstiger werden. Vor Schleswig Holstein sprach man noch von „Selbstmord aus Angst vor dem Tod“, jetzt aber bilden die sich was auf ihre paar Prozente ein. Seehofer bockt ja jetzt schon, er würde an keiner Sitzung mehr teilnehmen, bevor nicht das Gesetz zum Betreuungsgeld verabschiedet wird. Bitte, liebe Frau Merkel, verschieben Sie die Entscheidung zu diesem Gesetz auf eine Zeit nach der nächsten Bundestagswahl. Dann wird uns der Facebook-Partylöwe wenigstens eine kleine Weile vom Hals gehalten.
Was haben wir also? Auf der Habenseite: Eine SPD als stärkste Kraft (Wortspiel durchaus beabsichtigt) mit den Grünen als Partner für alle Fälle. Die Linken sind in ihre eigene Bedeutungslosigkeit zurückgeplumpst. Und die Piraten segeln fröhlich in den vierten Landtag in Folge.

Und bei den Koalitionspartnern? Eine FDP, die kurz vor dem allseits erhofften Tod noch ein letztes Mal Atem holt, um das Siechtum noch ein Fünkchen länger hinauszuzögern und eine CDU, die mit einem Vorschlaghammer durch den Glaspalast der Wählerstimmen gezergt ist und sich nun wundert, warum überall Scherben rumliegen. Schwarz-Gelb ist gescheitert und die Menschen wissen es – außer in Dortmund.